Chronischer Schmerz und seine Folgen

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Schmerzen sind Sinnesreize, die jeder Mensch unterschiedlich erlebt. Sie sind in erster Linie ein körperliches Phänomen, haben gleichzeitig jedoch auch mit Gefühlen und der Psyche zu tun. Sie entstehen, wenn verschiedene Reize, wie etwa bei Schnittverletzungen, Wärme oder Kälte, einen bestimmten Schwellenwert überschreiten. Dabei kommt es zu Störungen im Gewebestoffwechsel oder zur Schädigung des Gewebes.

Jetzt werden bestimmte Stoffe freigesetzt, die sogenannten Schmerzstoffe, die aus den geschädigten Zellen abgesondert werden. Über spezialisierte Nervenfasern, das zentrale Nervensystem und verschiedene körpereigene Botenstoffe gelangt der Schmerzreiz ins Gehirn. Die komplexe Schmerzreaktion vollzieht sich im Bruchteil einer Sekunde.

Ein Schmerzreiz kann dazu führen, dass sich die Muskulatur unwillkürlich anspannt, um beispielsweise das betroffene Körperteil schnell von der Gefahrenquelle zurückzuziehen. Dies ist etwa der Fall, wenn man unbewusst auf eine heiße Herdplatte fasst. Die Verarbeitung der Schmerzsignale im Gehirn kann auch dazu führen, dass sich der Puls unwillkürlich erhöht, der Atem heftiger wird oder Schweiß ausbricht.

Prinzipiell unterscheidet man zwischen akuten und chronischen Schmerzen. Der akute Schmerz tritt direkt nach einer Verletzung, Entzündung oder bei einem anderen Krankheitsprozess auf, ist zeitlich begrenzt und in der Regel gut lokalisierbar. Nach Beseitigung der auslösenden Schädigung klingt er ab.

Wenn Schmerzen chronisch werden

Im Gegensatz zu akuten oder kurzfristigen Schmerzen, treten chronische Schmerzen immer wieder auf oder halten länger an. Der Schmerz hat seine Warnfunktion verloren und sich zu einem eigenen Krankheitsbild verselbstständigt.

Dem Arztreport 2016 der Barmer GEK zufolge leiden in Deutschland rund 3,25 Millionen Menschen unter chronischen Schmerzen. Besonders häufig werden chronische Schmerzen im Rücken festgestellt. Jeder vierte Fall geht darauf zurück. Danach folgen Bauch- und Beckenschmerzen sowie Gelenkschmerzen bzw. bei Frauen Migräne.

Die Gefahr einer Chronifizierung besteht dann, wenn Schmerzen lange andauern und nicht ausreichend behandelt werden. Aus einem lokal begrenzten Schmerz wird dann mit der Zeit ein diffuser Dauerschmerz, der sich auf andere Bereiche des Körpers verlagern oder ausweiten kann.

Die Stärke und Qualität chronischer Schmerzen ist sehr veränderlich: Sie können zeitweise ganz verschwinden, sich schwach und dumpf im Hintergrund bemerkbar machen oder die Betroffenen mit heftigen Attacken quälen - vielfach unabhängig von äußeren Einflüssen.

Im Allgemeinen werden Schmerzen als chronisch angesehen, wenn sie länger als drei Monate andauern. Allerdings verläuft die Chronifizierung individuell sehr unterschiedlich, der Übergang von akuten zu chronischen Schmerzen ist oft fließend.

Starke oder lang anhaltende Schmerzreize verändern die schmerzleitenden Nervenzellen. An den Synapsen bilden sich vermehrt Ionenkanäle und spezielle Rezeptoren, die über entsprechende Botenstoffe das Signal „Schmerz“ an das Gehirn senden. Je mehr Ionenkanäle und Rezeptoren entstehen, umso intensiver ist das Schmerzsignal.

Schon schwächste Reize werden dann als starker Schmerz wahrgenommen. Man spricht von der Entstehung eines Schmerzgedächtnisses. Ausgelöst werden kann diese Entwicklung hin zum chronischen Schmerz durch jeden Akutschmerz, sei es nun durch Schmerzen des Bewegungsapparates, des Nervensystems oder andere Schmerzen.

Zum Einfluss der Psyche

Chronische Schmerzen zermürben die Betroffenen auch seelisch. Oftmals beherrschen sie das gesamte Denken und Empfinden. Weil die Schmerzen alltägliche körperliche und soziale Aktivitäten einschränken oder ganz unmöglich machen, wird die Lebensqualität negativ beeinflusst. Häufig kommt es zu Problemen in Beruf und Privatleben.

Je länger die Nervenzellen Schmerzsignale weiterleiten müssen, desto aktiver werden sie. Sie neigen sogar dazu, die Reize von sich aus zu verstärken, bis sie schließlich ganz ohne Eingangssignal einen Alarm auslösen können. Bei diesem Prozess der Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses spielt die Psyche eine entscheidende Rolle. Wenn der Schmerz lange genug anhält, kann er schon ausgeglichene Gesunde zu Kranken machen.

Stress, Angst oder Depressionen führen dazu, dass das Gehirn den Schmerz besonders effektiv speichert. Es hat jedoch nicht jeder Mensch psychischen Stress, wenn der Schmerz zum ersten Mal auftritt. Doch jeder kann durch den Schmerz Angstzustände ausbilden.

Dies gilt vor allem für die Angst vor Bewegung. Für die meisten chronisch Schmerzkranken ist Bewegung ein großes Problem. Gleichzeitig würde die Bewegung, in Kombination mit der richtigen medikamentösen Therapie, in vielen Fällen dazu beitragen, dass ein Schmerzgedächtnis wieder gelöscht wird.

Wer aufgrund der Angst vor Schmerzen in eine Schonhaltung verfällt, wird bald steif und träge, oftmals auch einsam und deprimiert. Andererseits geht die Schmerztherapie davon aus, dass die ängstliche Erwartung der Schmerzen durch spezielle Bewegung gemindert werden kann.

Dementsprechend werden die Patienten mit einem Schmerzmittel versorgt und können so sonst schmerzhafte Bewegungen wieder schmerzfrei ausüben. Dabei speichert das Gehirn ab, dass die Bewegung gar nicht schmerzhaft ist.

Allerdings gehört mehr dazu, ein ausgeprägtes Schmerzgedächtnis wieder aufzulösen. Die moderne Schmerztherapie setzt dabei auf eine Psychotherapie, sogenanntes Biofeedback, die progressive Muskelentspannung oder andere Entspannungsmethoden sowie das richtige Schmerzmittel.